Freibad Hänigsen: Gemeinde und Genossenschaft retten Freibad
Jedem siebten Schwimmbad in Deutschland droht inzwischen die Schließung, das sind rund 800 Bäder. Das ergab eine Befragung des Deutschen Instituts für Urbanistik (2025) unter kommunalen Finanzverwaltungen. Gründe dafür sind vor allem die hohen Betriebskosten wie auch der Sanierungsstau bei leeren Gemeindekassen.
Vor diesen Problemen stand 2010 auch die Gemeinde Uetze in Niedersachsen mit ihren zwei Freibädern in Hänigsen und Uetze für ihre 20.000 Bürgerinnen und Bürger. Die Bäderkosten wuchsen der Gemeinde inzwischen über den Kopf. Doch gemeinsam mit engagierten Bürgerinnen und Bürgern fand sie eine zukunftsfähige und wirtschaftliche Lösung: Die beiden ehemals kommunalen Freibäder werden heute als genossenschaftliche Bürgerbäder erfolgreich weitergeführt. Das Freibad in Hänigsen feiert in diesem Jahr sogar sein 70-jähriges Bestehen.
„Ich habe meine gesamte Kindheit und Jugend im Sommer in diesem Freibad verbracht“, erzählt Vorstandsvorsitzende Gabriele Passon. „Später habe ich dort meinen drei Kindern das Schwimmen beigebracht und neben meinem Beruf als Lehrerin eine DLRG-Ausbildung für den Wachdienst gemacht. “
Die Oberstudienrätin ist inzwischen pensioniert und hat fast die ganze Geschichte des Freibades Hänigsen hautnah miterlebt: „Dieses Freibad war früher eines der wenigen Freibäder in der Region. Sein Zehn-Meter-Turm und die 50 Meter lange Schwimmbahn waren damals eine Attraktion: Das Sportbad zog in der Saison rund 100.000 Schwimmerinnen und Schwimmer an, sogar aus der Großstadt Hannover.“
Schließung des Freibades drohte
Schon seit Mitte der 90er Jahre mahnte die Kommunalaufsicht bei der Gemeinde die hohen Verluste der beiden Bäder an, die sich bis 2010 auf 640.000 Euro erhöht hatten. Hinzu kamen noch kalkulierte Sanierungskosten in Höhe von mindestens zwei Millionen Euro. Das konnte die Gemeinde aus eigener Kraft nicht mehr stemmen: Im politischen Raum stand die Schließung eines der beiden Bäder, ungeklärt war jedoch, welches.
Allein schon dieser Gedanke löste in der Gemeinde heftige Bürgerproteste aus. Denn die Bürgerinnen und Bürger wollten unbedingt beide Bäder erhalten – als attraktive Orte der sportlichen und sozialen Begegnung, der Gesundheit wie auch der Sicherung der lebenswichtigen Kompetenz Schwimmen.
Als erste reagierten die Hänigser und bauten 1998 einen Förderverein mit 80 Freiwilligen auf. Diese übernahmen beispielsweise die Sommer- und Winterdienste wie auch die Schönheitsreparaturen im Freibad. Das senkte die Betriebskosten des Bades für die Gemeinde um rund 50.000 Euro jährlich. Das Freibad in Uetze beschritt einige Zeit später den gleichen Weg.
Der Förderverein in Hänigsen finanzierte darüber hinaus in den folgenden Jahren auch die Riesenrutsche, die Strandkörbe und Wasserspielgeräte und unterstützte notwendige Sanierungsarbeiten. Doch das alles reichte nicht: Die Finanzlage der Gemeinde blieb angespannt. Das Innenministerium Niedersachsens drohte, die Sonderzuschüsse für die finanziell schwache Gemeinde zu kürzen.
Gemeinde und Förderverein wollen Freibad genossenschaftlich weiterführen
Es bestand erneut dringender Handlungsbedarf. So entwickelten der damalige Vorsitzende des Fördervereins Rainer Lindenberg sowie Gemeinde-Bürgermeister Werner Backeberg 2010 die Idee, das Freibad Hänigsen auf drei Säulen – Förderverein, DLRG und einer zu gründenden Genossenschaft – weiterzuführen. Zusätzlich entschied sich die Gemeinde, der Genossenschaft das Freibad in Erbpacht zu übertragen.
Die Genossenschaft sollte die Gemeinwohlorientierung und das langfristige Bestehen des Bades für die Bevölkerung sichern und die wirtschaftliche Existenzgrundlage schaffen. Der Förderverein wollte sich weiterhin mit Manpower operativ einbringen und die DLRG die Aufsicht und Schwimmausbildung im Bad sicherstellen.
Run auf die Mitgliedschaft der Freibadgenossenschaft
Das Konzept überzeugte Gemeinde und Bürgerschaft sofort: Zur Gründung im November 2010 hatte die Bürgerinnen und Bürger bereits über 800 Genossenschaftsanteile bei der Freibad Hänigsen eG vorgezeichnet. Die Solidarität war und ist groß: Heute hat die Genossenschaft fast 1.900 Mitglieder mit rund 2.400 Anteilen, darunter sind auch eine Reihe ehemaliger Hänigser.
Das Freibad in Uetze, das heute ein reines Naturbad ist, musste nachziehen und wandelte sich einen Monat später, im Dezember 2010, ebenfalls in eine Genossenschaft um. Auch dieses Freibad wird erfolgreich von einer engen Kooperation von Genossenschaft, Förderverein und DLRG sowie 1.300 Mitgliedern getragen.
Die Gemeinde Uetze ist weiterhin an der Seite beider Bäder und unterstützt sie mit einem jährlichen Gesamtbetrag von 300.000 Euro.
70. Geburtstag und bis zu 70.000 Besucher
Gabriele Passon ist zufrieden mit der Entwicklung und dem Umsatz des Freibades Hänigsen. „Im Schnitt haben wir bis zu 70.000 Besucher pro Saison“, erzählt sie. Das hat seinen Grund, denn das Bad hält ein attraktives Angebot für seine Besucherinnen und Besucher bereit: eine Saison vom 1. Mai bis 3. Oktober, lange Öffnungszeiten sowie zusätzliche Sonder-Schwimmzeiten für die Genossenschaftsmitglieder.
Das Schwimmbad ist außerdem gut mit einem Nichtschwimmer- und Planschbecken, einem Spiel- und Bolzplatz, einem Beach- Volleyballfeld, einer Liegeweise und einem neuen Umkleidegebäude ausgestattet. Fest im Programm hat das Bad mehrere Schwimm- und Aquafitnesskurse. Hinzu kommen Sonderaktionen, wie Mitternachtsschwimmen, Kinoabende und und School-outs-Partys, aber auch Veranstaltungen für Geflüchtete. Es gibt sogar einen eigenen Fernsehkanal für das Freibad. Betreut wird das Bad von zwei Fachangestellten für Bäderbetriebe, vielen Ehrenamtlichen und einigen Minijobbern.
Zurzeit bereitet die Genossenschaft den 70. Geburtstag des Bades am 30. Mai und 10. Juni 2026 vor. Dabei stehen unter anderem Aktionen für Kinder – angeboten von der DLRG- Ortsgruppe und von der örtlichen Tauchschule – Schwimmvorführungen und Turmspringen auf dem Programm. Zusätzlich sind ein Frühschoppen, ein Kaffeegarten und eine Party mit Live-Musik geplant. Einer der Höhepunkte ist jedoch die Ausstellung „Herzensmomente“, in der die schönsten Freibaderlebnisse der Besucherinnen und Besucher dokumentiert werden. Die Vorstandsvorsitzende: „ Im letzten Jahr hatten wir sogar eine Trauung auf unserem 10-Meter-Brett mit anschließender Rutsche ins Glück für das Brautpaar.“ Auch die legendäre Schweinetrog-Rallye soll am 6. September wieder starten. Hier treten Paddelteams in umfunktionierten Schweinetrögen sportlich im Becken gegeneinander an.
Wassertemperaturen entscheiden über Attraktivität
Was erwartet die Vorstandsvorsitzende für die weitere Zukunft ihrer Genossenschaft? Sicherlich eine weitere erfolgreiche Entwicklung, davon ist Passon sehr überzeugt.
Sorgen bereitet ihr allerdings die Energiepolitik der Bundesregierung. „Die große Attraktivität unseres Schwimmbades hat auch mit den angenehmen Wassertemperaturen zu tun“, erklärt sie. „Zurzeit erwärmen wir das Schwimmwasser mithilfe der Wärme einer landwirtschaftlichen Biogasanlage. Wenn dies nicht mehr bezahlbar oder für die landwirtschaftlichen Besitzer nicht mehr rentabel sein sollte, müssen wir uns nach anderen Energiequellen umsehen.“ Auch aus diesem Grunde hat sich die Genossenschaft beim „Bundesprogramm Sanierung kommunaler Sportstätten“ um eine Förderung beworben. Damit will sie unter anderem eine Fotovoltaikanlage finanzieren und die Filteranlage des Schwimmbades modernisieren. Passon: „Wenn wir hier eine Zusage bekommen würden, wäre dies für uns das allerschönste Geburtstagsgeschenk.“